Die Kehrwoche – Entstehung eines schwäbischen Mythos

Wenn es am Wochende kleppert und scheppert, weiß jeder Bewohner Baden-Württembergs, dass das allwöchentliche Ritual erneut seinen Lauf nimmt. An allen Straßenecken tauchen Gestalten mit bunten Kopftüchern und Kittelschürzen auf und fegen mit Hingabe das „Trottoir“. Mit speziellen Halte-, Schwung- und Schrubbtechniken wird geräuschvoll demonstriert, dass man als guter Schwabe seine historische Pflicht wahrnimmt.

Schließlich verdanken wir die Kehrwoche keinem Geringeren als Graf Eberhard im Bart, der 1492 die folgende Stadtverordnung für Stuttgart erließ: „Damit die Stadt rein erhalten wird, soll jeder seinen Mist alle Woche hinausführen.“ Dieser Aufforderung kamen die damals 6.000 bis 7.000 Einwohner dann auch prompt nach.

Zwar umfasst das Repertoire der Kehrwoche inzwischen weitaus mehr als den gewöhnlichen Stallmist, doch das scheint die traditionsbewussten Putz-Insider eher noch zu beflügeln. Und das, obwohl eigentlich keiner so recht diese Tätigkeit erlernt hat.

Doch gibt es für die Schwäbin keine größere Schmach als der Vorwurf, sie hielte Haus und Hof nicht sauber. Dies ist in etwa vergleichbar mit der Behauptung, eine norddeutsche Hausfrau könne einen Hering nicht von einer Makrele unterscheiden.

Wozu also die Klagen, dass die Tradition unserer Vorfahren verloren ginge? Graf Eberhards Nachlass jedenfalls könnte kaum lebendiger tradiert sein. Mündlich und schriftlich überliefert in den goldenen Regeln der Kehrwoche:

Verpasse niemals die Kehrwoche, ohne gültigen Ersatz zu finden.

Die Kehrwoche beginnt in der Regel ab 7 Uhr in der Früh.

Bevor nicht das letzte Staubkörnchen am Waschküchenfenster und das letzte Blatt auf dem Gehweg entfernt wurde, ist die Arbeit nicht verrichtet.

Leises und unauffälliges Fegen und Schrubben ist rücksichtslos, da die Nachbarn so ihren Einsatz zur Kontroll-Tätigkeit verpassen könnten.